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Krank – und jetzt?Krank – und jetzt?
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Krank zur Arbeit? Besser nicht!

Icon Calendar20.01.2026

Das Phänomen Präsentismus

Präsentismus – so wird das Phänomen genannt, wenn jemand trotz Krankheit zur Arbeit geht. Er oder sie ist also „stets präsent“, egal, was kommt. Das mag auf den ersten Blick löblich erscheinen. Ist es aber nicht, sagen Experten. Weder gesundheitliche noch wirtschaftliche oder soziale Gründe sprechen dafür, sich mit Fieber, Bauchkrämpfen oder rasenden Kopfschmerzen ins Büro oder auf die Baustelle zu schleppen. Im Gegenteil: Präsentismus kann eine spätere, dann unter Umständen umso längere Krankschreibung zur Folge haben. Erkrankungsbedingt ist die Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt und es steigt das Risiko von Fehlern und Arbeitsunfällen. Und werden Kollegen angesteckt, fallen diese dann auch noch aus.

Prozentsatz halbiert

Trotzdem scheint das Phänomen vor allem in Südtirol eine verbreitete „Krankheit“ zu sein. Das ergab eine Befragung des Arbeitsförderungsinstitutes (AFI) im Jahr 2016. „Sind Sie in den vergangenen 12 Monaten arbeiten gegangen, auch wenn Sie krank waren?“, lautete die Frage, auf die nicht weniger als 51 von 100 Südtirolern mit „Ja“ antworteten – mehr als die Hälfte. Die EU-Statistik lag hingegen bei 42 Prozent, jene im übrigen Italien gar nur bei 27 Prozent. Auch in Österreich (36) und Deutschland (32) blieben mehr Leute daheim als in Südtirol, wenn es ihnen nicht gut ging, in der Schweiz sogar fast 3 Viertel der Befragten. Genau 5 Jahre später, im Sommer 2021, startete das AFI die Befragung erneut. Und siehe da: Das Ergebnis war ein völlig anderes. Nur noch 26 Prozent, also knapp mehr als ein Viertel der Südtiroler, gaben bei derselben Fragestellung an, dass sie trotz Krankheit am Arbeitsplatz erschienen sind. Der EU-Schnitt lag inzwischen bei 30 Prozent, Deutschland und Österreich rangierten mit auffallend wenig Veränderung über diesem Durchschnitt.

Was Corona bewirkt hat

Tobias Hölbling, Arbeits- und Organisationspsychologe im AFI, hat diese neuesten Daten exklusiv für den „Markt“ zur Verfügung gestellt. Wie erklärt er sich die krasse Veränderung in Südtirol? Erwartungsgemäß ist seiner Ansicht nach Corona ein Hauptfaktor, der die Beschäftigten auch hierzulande in den vergangenen Jahren ein wenig zur Vernunft gebracht hat. „Bis zum Ausbruch der Pandemie hatte die allgemeine Verhaltensregel gelautet: ,A bissl z’sammreißen‘ – sowohl für sich selbst als auch für die Mitarbeitenden“, sagt er. Während der Coronazeit sei es hingegen ausdrücklich erwünscht gewesen daheim zu bleiben, wenn jemand sich krank fühlte, und das vonseiten der Kollegen wie auch der Vorgesetzten. „Das hat wohl die allgemeine Erkenntnis bestärkt, dass es niemandem nützt, am wenigsten den Betroffenen selbst, wenn sie krank zur Arbeit gehen.“ Ein weiterer Grund für die positive Veränderung dürfte laut Tobias Hölbling sein, dass die Krankschreibung während der Epidemie einfacher war.

Kein Lob für „Heldentat“

Vermutlich ist der Prozentsatz an Kranken am Arbeitsplatz seit 2021 wieder etwas gestiegen, „weil sich mit dem Abschwächen oder Verschwinden von Phänomenen in der Regel auch alte Verhaltensmuster wieder einstellen“, so Hölbling. Doch wer sich selbst und sein Umfeld beobachtet, der wird zum Schluss kommen: Ganz so arg wie früher sind wir dem Präsentismus nicht mehr verfallen. Corona hat uns bewusst(er) gemacht, wie schnell und wodurch Viren übertragen werden, weshalb wir uns nicht mehr recht wohlfühlen, wenn der Kollege am Nebentisch dauernd niest und hustet und die Türklinken kontaminiert. Welche Auswirkungen eine verschleppte Grippe oder ein Rückfall haben können, ist inzwischen auch bekannter als noch vor Jahren. Nicht zuletzt hat das Kranksein seinen Ruf als „Bagatelle“ etwas verloren. Wer krank am Arbeitsplatz erscheint, bekommt heute von der Führungskraft kaum noch Lob und von den Kollegen kaum noch Dank für seine vermeintliche Heldentat.

Appell ans Pflichtgefühl

Doch was können Kollegen und Führungskräfte konkret unternehmen, um übereifrige Mitarbeiter vom Präsentismus abzuhalten? „Zum Beispiel an ihr großes Pflichtgefühl appellieren, das eigentlich sagen müsste: Du kannst dich in deinem Zustand ohnehin nicht auf die Arbeit konzentrieren, begehst womöglich einen schweren Fehler, der dir selbst, aber noch mehr dem Unternehmen schadet. Bleib daheim und schau, dass du so schnell wie möglich wieder gesund wirst“, rät Arbeitspsychologe Tobias Hölbling. Arbeitgeber und Führungskräfte würden ohnehin mit ihrem Vorbildcharakter am meisten erreichen: „Wenn sie sich bei Krankheit wirklich krank melden und nicht von daheim aus Anweisungen erteilen, dann sehen auch die Mitarbeitenden in diesem Verhalten etwas Erlaubtes und Positives.“ Unbedingt zu empfehlen sei ein betriebliches Gesundheitsmanagement, das gar nicht aufwändig sein müsse. „Es geht darum, der Belegschaft klarzumachen: Eure Gesundheit ist uns wichtig“, erklärt der Fachmann. Das könne durch Aktionen wie „Treppe statt Aufzug“, die Teilnahme an einem Firmenlauf oder durch den einen und anderen Workshop passieren.

Die am häufigsten genannten Gründe für Präsentismus

  • Rücksicht auf Kollegen

  • Arbeit zu Ende führen

  • Pflichtgefühl

  • Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber

  • Bewertung der Erkrankung als Bagatelle

  • Angst vor Arbeitsplatzverlust oder beruflichen Nachteilen

Quelle: Erhebung der Arbeitsbedingungen der Europäischen Union (EWCS)

Tobias Hölbling hat in Salzburg und Innsbruck studiert und ist seit 2016 beim AFI als Arbeits- und Organisationspsychologe tätig.

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