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kentoh von Getty Images

Gig Economy

Icon Calendar08.06.2026

Freiheit triff Risiko

Dass nicht alles gut ist, was aus den USA kommt, ist hinlänglich bekannt. Dennoch schaffen es amerikanische Erfindungen immer wieder über den großen Teich bis nach Europa. So auch die sogenannte Gig Economy. Nie gehört? Keine Sorge, es handelt sich um ein recht junges Phänomen, das in Europa und auch in Italien nur schrittweise Fuß fasst. Doch je digitaler die arbeitende Bevölkerung wird, desto stärker wird es sich auch hierzulande ausbreiten.

Wirtschaftskrise als Starthilfe

Gig – der Begriff kommt aus der Musikbranche und bezeichnet eigentlich ein Engagement für einmalige Auftritte, in der Regel außerhalb von längerfristigen Verpflichtungen. Musiker sind also froh, wenn ihnen ein Gig angeboten wird. Um „einmalige Auftritte“ geht es, wenn man so will, auch bei der Gig Economy: Arbeitsaufträge, die schnell und flexibel abgewickelt werden, ohne eine klassische Anstellung. Dieses Modell nahm in den USA ab etwa 2009 Gestalt an, als die Wirtschaftskrise viele Arbeitnehmer in kurzfristige, kombinierbare Jobs drängte, um finanziell über die Runden zu kommen. Plattformen wie Uber und Lyft boten hierfür die Infrastruktur und verknüpften Arbeitssuchende direkt mit Kunden. Manche erinnern sich vielleicht an den Streit der Taxifahrer mit den von Uber vermittelten Fahrern für Personenbeförderung. Auch Deliveroo und Foodora für Fahrradkuriere, die Essen ausliefern, sind hierzulande bekannt.

Mittlerweile ist die Bandbreite an Tätigkeiten in der Gig Economy enorm: Von Grafikdesign und Softwareentwicklung über Lieferdienste bis hin zu Buchhaltung und Gebäudereinigung übernehmen Gig Worker, also unabhängige Dienstleister, Projekte verschiedenster Art. Sie sind dabei wohlgemerkt nicht angestellt, sondern arbeiten auf selbstständiger Basis. Sie müssen sich also selber versichern und sind bei Ausfall wegen Krankheit oder aus einem anderen Grund auch nicht durch den Auftraggeber geschützt.

Onlineplattformen als Vermittler

In der Regel handelt es sich um abgeschlossene Projekte, für die Gig Worker engagiert werden. Die Onlineplattformen, die Gig Worker vermitteln, legen auch die Rahmenbedingungen wie Lohn und Konditionen fest und verdienen pro erfolgreicher Vermittlung eine Provision. Die Gig Worker ihrerseits geben auf der Plattform ihr Profil an, um möglichst schnell für einen geeigneten Job gefunden zu werden.

Zum besseren Verständnis ein Beispiel: Ein Softwareunternehmen erhält einen wichtigen Auftrag, von dessen termingerechtem Abschluss Entscheidendes abhängt. Doch eine massive Grippewelle, verbunden mit zwei Kündigungen, droht, das Geschäft platzen zu lassen. Die Personalabteilung wendet sich in ihrer Not an eine auf Gig Working spezialisierte Plattform und gibt die Voraussetzungen für die Jobvergabe an. Über Algorithmen schlägt die Onlineplattform passende Arbeitskräfte anhand von Profilen, Aktivitätsdaten sowie Bewertungen vor. Das Unternehmen sucht sich die passenden Personen aus und kann den Auftrag termingerecht erledigen.

Die Gig Economy unterscheidet ortsgebundene und ortsungebundene Arbeit. Letztere hat eine weit größere Bandbreite und reicht vom einfachen Sammeln von Daten über das Verfassen von Texten bis eben hin zur Softwareentwicklung, wie im Beispiel beschrieben. Man spricht in diesem Fall auch von Crowdworking. Die Plattformen regeln bei beiden Formen die Zahlung und legen verbindliche Konditionen fest, an die sich Auftraggeber und Auftragnehmer halten müssen.

Seit Kurzem besser geregelt

Trotz – oder vielleicht wegen – des rasanten Wachstums der Gig Economy kommt die rechtliche Regulierung in Europa der Entwicklung nicht wirklich hinterher. Immerhin hat das Europäische Parlament nach intensiven Verhandlungen am 8. Februar 2024 ein Gesetz zur Plattformarbeit verabschiedet. Ziel ist es, die Arbeitsbedingungen der Gig Worker zu verbessern sowie die Algorithmen der Plattformen zu regulieren und für die Arbeitnehmer transparenter zu gestalten. Wenn Auftraggeber bestimmte Kriterien wie die Kontrolle der Arbeitszeiten erfüllen, sind sie zum Beispiel verpflichtet, die Gig Worker in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis zu überführen.

Letztendlich eignet sich die Gig Economy in Europa bisher vor allem für Nebenverdienste oder flexible Zusatzjobs. Ob sie sich zu einem festen Modell der Zukunftsarbeit entwickelt, wird maßgeblich von künftigen Regelungen und den Bedürfnissen einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft abhängen.

Wachsendes Phänomen

Laut Schätzungen der Europäischen Kommission waren im Jahr 2022 EU-weit etwa 28 Millionen Menschen über digitale Arbeitsplattformen beschäftigt. Diese Gruppe ist sehr vielfältig und umfasst sowohl Arbeitnehmer als auch Selbstständige sowie Fachkräfte und ungelernte Arbeitskräfte. Die meisten Gig Worker sind jung, durchschnittlich 35 Jahre alt, und haben einen mittleren bis hohen Bildungsgrad. Allerdings zählen auch benachteiligte Gruppen wie Migranten, Arbeitslose, Rentner und Geringverdiener dazu, die die Gig Economy zur Aufstockung oder Sicherung ihres Einkommens nutzen.

Vorteile

Auftragnehmer:

  • Selbstbestimmtheit

  • keine langfristige Bindung

  • unkomplizierter Einstieg

  • keine Bewerbung


Auftraggeber:

  • unkomplizierte Auftragsvergabe

  • keine Vertrags- und Bezahlabwicklung

  • keine langfristige Bindung

  • Einsparungen bei Sozialbeiträgen und Arbeitsmitteln 

Nachteile

Auftragnehmer:

  • unregelmäßiges Einkommen

  • hohe Kosten für Sozial- und Versicherungsbeiträge

  • Konkurrenzdruck

  • fehlende Interessenvertretung

  • Gefahr der Scheinselbstständigkeit


Auftraggeber:

  • kaum Kontakt zum Auftragnehmer

  • womöglich aufwändige Einarbeitungszeit

  • kaum Weisungsgebundenheit des Auftragnehmers

  • potenziell weniger Loyalität

  • Datensicherheit womöglich in Gefahr


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